Parentifizierung – wenn Kinder in zu grosse Schuhe schlüpfen (müssen)

Hallo, feiner Mensch.

Ich nehme mir einen Moment Zeit, um dich herzlich zu begrüssen. Schön, dass du hier bist und diesen Blog zum Thema Parentifizierung liest. Es ist ein Thema, das unzählige Menschen betrifft, und genau deshalb wird es Zeit, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen. Seit ich in meiner Praxis mit systemischer Aufstellungsarbeit arbeite und mich intensiv mit diesem Thema beschäftigt habe, ist mir immer klarer geworden, wie häufig diese Dynamik im Hintergrund wirkt, wie viele Menschen darunter (immer noch) leiden und wie wenig bekannt die Thematik ist.

Es ist mir sehr wichtig, diesem Thema Raum zu geben. Gleichzeitig möchte ich vorweg etwas sagen: Es geht nicht darum, Eltern oder Grosseltern Vorwürfe zu machen, und es geht nicht um Schuldzuweisungen. Es geht darum, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Erfahrungen in der Kindheit einen tiefgreifenden Einfluss auf das weitere Leben haben können.

Ebenso ist es mir ein grosses Anliegen, Menschen mit diesen Themen zu unterstützen, damit sie sich von Lasten lösen können, die sie oft noch unbewusst tragen. Ich bin überzeugt, dass dieses Thema für manche Menschen ein wichtiger Schlüssel sein kann.

Parentifizierung – Wenn Kinder in zu grosse Schuhe schlüpfen (müssen)

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

Dieses bekannte Zitat bringt sehr treffend auf den Punkt, was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen: Geborgenheit, Orientierung und Verbundenheit auf der einen Seite sowie die Möglichkeit, sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu entwickeln, auf der anderen Seite. Wurzeln geben Halt und Sicherheit, Flügel ermöglichen Selbstständigkeit und persönliches Wachstum.

Werden Kinder jedoch über einen längeren Zeitraum in die emotionalen oder praktischen Bedürfnisse ihrer Eltern hineingezogen und übernehmen Aufgaben oder Verantwortlichkeiten, die ihrem Alter und Entwicklungsstand nicht entsprechen, kann sich eine belastende Form der Parentifizierung entwickeln.

Menschen mit diesem Thema fühlen sich wie ein Schmetterling ohne Flügel.

Parentifizierung hat in den letzten Jahren im Zusammenhang mit psychischen Belastungen mehr Aufmerksamkeit erhalten. Dennoch ist sie vielen Menschen weiterhin kaum bekannt, obwohl zahlreiche Erwachsene von dieser Erfahrung geprägt sind. Die Rollenumkehr ist auch heute noch für viele Kinder und Jugendliche Realität.

Wenn Kinder in viel zu grosse Schuhe wachsen müssen, kann dies im Erwachsenenalter weitreichende Folgen haben.

Mögliche Spätfolgen zeigen sich beispielsweise in einem geringen Selbstwertgefühl, Minderwertigkeitsgefühlen, Schwierigkeiten beim Setzen von Grenzen, Erschöpfungszuständen, einem starken Bedürfnis – es allen recht zu machen, einer eingeschränkten Wahrnehmung eigener Bedürfnisse, Überforderung, unterdrückter Wut, einer Traurigkeit – die oft nicht zugeordnet werden kann, Schuld- und Schamgefühlen, falschen Loyalitäten, einem überhöhten Pflichtgefühl, starkem Leistungsdenken, einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl, grossem Harmoniebedürfnis, Suchtthemen oder destruktiven und abhängigen Beziehungsdynamiken im privaten sowie beruflichen Leben.

Die Folgen der Parentifizierung ziehen sich nicht selten wie ein roter Faden durch das gesamte Erwachsenenleben.

Parentifizierung beschreibt eine Rollenumkehr innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung: Kinder übernehmen Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die eigentlich den Eltern zukommen. Es handelt sich um eine stark belastende stressgeladene Dynamik innerhalb von Familiensystemen, die auf den ersten Blick oft unsichtbar und schwer zu erkennen ist. In der therapeutischen Arbeit, insbesondere in der systemischen Therapie wird diese verdeckte Rollenverschiebung häufig erstmals sichtbar und dadurch verständlich. Für viele Betroffene bedeutet allein diese Erkenntnis schon eine Entlastung.

Bekannt wurde der Begriff Parentifizierung durch den US-amerikanischen Familientherapeuten Ivan Boszormenyi-Nagy, der gemeinsam mit Geraldine M. Spark im Jahr 1973 das Buch Invisible Loyalties veröffentlichte. Darin beschreiben die Autoren die Bedeutung unsichtbarer Loyalitäten, generationenübergreifender Verpflichtungen und der Beziehungsgerechtigkeit innerhalb von Familiensystemen. Diese unsichtbaren Loyalitäten können über Generationen hinweg wirken und prägen Denken, Fühlen und Handeln. Sie entstehen häufig aus Gefühlen von Schuld, Pflicht, Dankbarkeit oder Zugehörigkeit und beeinflussen nicht nur Entscheidungen, sondern auch das eigene Selbstbild. Menschen handeln dabei nicht ausschliesslich aus ihren eigenen Bedürfnissen heraus, sondern oft auch aus unbewussten Loyalitäten und Beziehungsmustern, die in ihrem Herkunftssystem entstanden sind.

Ivan Boszormenyi-Nagy verstand Parentifizierung nicht ausschliesslich als etwas Pathologisches. Kinder können durch das Übernehmen von Verantwortung Kompetenzen entwickeln und ein Gefühl von Zugehörigkeit erleben. Problematisch wird es jedoch dann, wenn diese Verantwortung dauerhaft die Entwicklungsressourcen des Kindes übersteigt und die eigenen Bedürfnisse dadurch nicht ausreichend entwickelt oder systematisch zurückgestellt werden müssen.

Die heutige Forschung unterscheidet zwischen instrumenteller und emotionaler Parentifizierung. Bei der instrumentellen Parentifizierung übernehmen Kinder praktische Aufgaben, beispielsweise Tätigkeiten im Haushalt oder die Versorgung von Geschwistern. Bei der emotionalen Parentifizierung werden Kinder hingegen zur stabilisierenden emotionalen Bezugsperson eines Elternteils. Sie trösten, vermitteln oder übernehmen Verantwortung für die Gefühle und den inneren Zustand eines Elternteils. Gerade diese Form kann besonders belastend sein, weil sie nach aussen oft nicht sichtbar ist. Sie kann die Entwicklung einer stabilen Identität und einer sicheren Bindungsfähigkeit sehr beeinträchtigen. Moderne bindungs- und familientherapeutische Ansätze betrachten Parentifizierung als Ausdruck belasteter Rollen- und Grenzstrukturen innerhalb eines Familiensystems. Häufig steht sie im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen, Traumatisierungen oder chronischer Überforderung innerhalb der Familie.

Risikofaktoren für eine Rollenumkehr 

Wenn man familiäre Konstellationen betrachtet, in denen Parentifizierung vorkommt, zeigen sich häufig ähnliche Belastungsfaktoren: Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen,  körperliche Erkrankungen wie beispielsweise Krebs oder andere schwere Krankheiten, chronische Belastungen oder Suchterkrankungen wie beispielsweise Alkoholabhängigkeit – können dazu führen, dass Eltern zeitweise oder dauerhaft nicht ausreichend in der Lage sind, die emotionale und strukturelle Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen.

Auch Erkrankungen oder Behinderungen von Geschwistern, Trennungen, anhaltende Konflikte oder finanzielle Belastungen können dazu beitragen. Besonders dann, wenn die Ressourcen der Eltern erschöpft sind, kann es passieren, dass Kinder früh Verantwortung übernehmen müssen. Auch Migration kann eine Rolle spielen. Wenn Kinder im „neuen Land“ als Vermittler oder Dolmetscher für ihre Eltern fungieren, geraten sie manchmal früh in Erwachsenenrollen und übernehmen Aufgaben, die eigentlich nicht ihrer Entwicklungsphase entsprechen. Dabei übernehmen Kinder beispielsweise Rollen als Berater, Vermittler, Vertraute oder sogar Partnerersatz.

Für viele Kinder wird diese Rollenumkehr zur Normalität. Sie kennen es nicht anders, als zu funktionieren, Rücksicht zu nehmen und Verantwortung zu tragen. Diese Aufgaben übersteigen jedoch häufig ihre emotionalen und entwicklungsbezogenen Möglichkeiten deutlich und können zu einer dauerhaften inneren Überforderung führen. Die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls und einer gesunden Selbstregulation kann dadurch beeinträchtigt werden.

Bernd erzählt seine Geschichte

Bernd: „Mein Vater war Alkoholiker. Wir mussten oft ganz leise sein, vorsichtig sein und aufpassen, damit er nicht ausrastete. Auch meine Mutter war mit der Situation überfordert. Zu Hause herrschte eine emotionale Kälte, und ich hatte oft das Gefühl, mit meinen Sorgen und Gefühlen allein zu sein. Meine Aufmerksamkeit war ständig darauf gerichtet, die Stimmung wahrzunehmen, um jederzeit darauf angemessen reagieren zu können. Ich musste früh feine Antennen entwickeln, weil ich nie wusste, was mich erwartete, wenn ich aus der Schule nach Hause kam. Ob es ruhig blieb oder wieder angespannt war, war unvorhersehbar. Es fragte niemand, wie es mir wirklich ging. Für meine Gefühle und Bedürfnisse gab es wenig bis keinen Raum. Ich schämte mich, Freunde mit nach Hause zu bringen, weil ich Angst hatte, dass sie sehen könnten, wie es bei uns zu Hause war. Ich war früh auf mich alleine gestellt. Dieses Gefühl, auf mich ganz alleine gestellt zu sein, begleitet mich bis heute und das obwohl ich heute eine eigene Familie habe. Es fühlt sich manchmal wie ein Loch oder eine Grube an. Etwas fehlt ein Stück Kindheit.

Parentifizierte Kinder fallen nach aussen oft kaum auf

Parentifizierte Kinder fallen nach aussen häufig kaum auf. Sie sind angepasst, leistungsfähig, ruhig und unauffällig. Eigenschaften wie diese werden in unserer Gesellschaft oft positiv bewertet. Sie gelten als zuverlässig, vernünftig und reif. Diese scheinbare Reife ist jedoch häufig keine echte emotionale Stabilität, sondern eine Anpassungsleistung an die familiären Umstände. Viele dieser Kinder lernen früh, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und sich stark an den Erwartungen anderer zu orientieren. Sie wirken genügsam, unkompliziert und verantwortungsbewusst.

Häufig zeigen sich zwei typische Reaktionsmuster: Einerseits eine starke Überanpassung. Das Kind versucht, alles richtig zu machen, niemanden zu belasten und möglichst viel Harmonie aufrechtzuerhalten. Andererseits kann sich später ein starkes Gegenverhalten entwickeln. Die früh übernommene Rolle wird dann radikal abgelehnt. Dies kann sich beispielsweise in grosser Wut oder einem starken Bedürfnis nach Abgrenzung den Eltern gegenüber zeigen.

Wenn Kinder in der heutigen modernen Welt in zu grosse Schuhe steigen

Viele Entwicklungen und Erwartungen in unserer heutigen Gesellschaft führen dazu, dass Kinder früh in Rollen hineinwachsen, die sie überfordern können. Von Kindern wird zunehmend viel verlangt: Sie sollen leistungsfähig sein, gute Noten erreichen, ein Fussballprofi werden, selbstständig handeln und möglichst früh Verantwortung übernehmen. Oft wird diese frühe Reife gelobt und belohnt. Dabei wird manchmal übersehen, was Kinder für eine gesunde Entwicklung tatsächlich brauchen.

Damit Kinder aufblühen können, braucht es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Förderung und Schutz.

Kinder brauchen Halt, Orientierung und verlässliche Bezugspersonen, die ihnen Sicherheit geben. Sie brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen, damit sie selbst in Ruhe wachsen, ihre Gefühle kennenlernen und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können.

Der Preis der frühen Last

Meist zeigt sich die Rollenumkehr erst im Erwachsenenleben häufig dann, wenn Betroffene selbst Kinder bekommen oder in einer Partnerschaft leben. Viele spüren dann, dass „etwas fehlt oder gefehlt hat“ in der eigenen Kindheit, können dieses Gefühl jedoch lange nicht genau benennen. Nicht selten zeigen sich Schwierigkeiten in Beziehungen, im Berufsleben oder im eigenen Selbstverständnis. Viele Betroffene haben bereits lange therapeutische Wege hinter sich, ohne den Zusammenhang mit der frühen Rollendynamik in Verbindung zu bringen.

Im Erwachsenenleben zeigen sich diese Muster häufig in wiederkehrenden Beziehungserfahrungen und tief verankerten Glaubenssätzen:

  • Eigene Bedürfnisse können nur schwer wahrgenommen oder geäussert werden.
  • Es besteht ein übersteigertes Verantwortungsgefühl.
  • Eigene Bedürfnisse zu leben, löst häufig Schuldgefühle aus.
  • Ein starkes Pflichtgefühl bestimmt viele Entscheidungen.
  • Es bestehen ausgeprägte Selbstwertprobleme.
  • Der innere Glaubenssatz „Ohne zu geben, bin ich wertlos“ kann dominieren.
  • Es entstehen Einsamkeitsgefühle trotz vorhandener Beziehungen.
  • Es besteht eine übermässige Hilfsbereitschaft.
  • Der Gedanke „Ich kann das alles alleine“ ist tief verankert.
  • und viele mehr

Viele Betroffene entwickeln zudem eine sogenannte Pseudoautonomie. Nach aussen wirkt es, als könnten sie alles alleine bewältigen. Innerlich handelt es sich jedoch häufig um eine Schutzstrategie, die einst notwendig war, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Dahinter stehen oft tiefe Einsamkeitsgefühle und Schwierigkeiten, echte Nähe sowie gesunde Abhängigkeit in Beziehungen zuzulassen. Schuld- und Schamgefühle sind zentrale Themen der Parentifizierung. Viele Betroffene erleben eine starke innere Loyalität gegenüber ihren Eltern, die auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Die eigene Autonomie ist dadurch häufig mit Schuldgefühlen verbunden. Gleichzeitig entsteht oft ein ausgeprägtes Helfermuster.

Parentifizierung ist nicht dasselbe wie gesunde Verantwortungsübernahme

Das eigene Zimmer aufzuräumen, Brötchen beim Bäcker zu holen, den Geschirrspüler auszuräumen oder den Tisch zu decken: Kinder brauchen Verantwortung, und diese gehört zum Heranwachsen dazu. Entscheidend ist jedoch, dass diese Aufgaben dem Alter und der Entwicklung des Kindes entsprechen. Von Parentifizierung spricht man dann, wenn Kinder dauerhaft Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsenen zukommen. Dabei ist nicht die Tätigkeit selbst ausschlaggebend, sondern die emotionale Bedeutung innerhalb des Familiensystems – insbesondere dann, wenn Kinder das Gefühl bekommen, für die emotionale Stabilität ihrer Eltern verantwortlich zu sein.

Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob ein Kind eine Aufgabe übernimmt und sich dabei emotional eingebettet und getragen fühlt oder ob es sich damit allein gelassen erlebt. Ein wichtiges Kriterium dafür, ob eine Belastung zu gross wird, ist die Frage, ob sich das Kind trotz der übernommenen Aufgaben noch frei entwickeln kann.

„Wenn Jungen und Mädchen wichtige Entwicklungsschritte nicht gehen können, weil sie daheim so eingebunden sind, kann das schädlich sein“, erklärt die Professorin für Klinische Kinderpsychologie Anna-Lena Zietlow.

Wenn ein Kind beispielsweise nach der Schule regelmässig Geschwister betreuen muss und deshalb nicht zum Sportverein gehen kann, kann dies die persönliche Entwicklung beeinflussen. Auch wenn ein Kind keine Hobbys ausüben oder keinen Raum für Freundschaften haben kann, fehlt ein wichtiger Bereich für Selbstentfaltung und soziale Entwicklung.

Kinder brauchen nicht nur Verantwortung, sondern auch die Möglichkeit, Kind zu sein.

Wer bin ich?

Viele Betroffene stellen sich im Erwachsenenleben die Frage:

„Wer bin ich eigentlich?“
„Wer bin ich selbst?“

Die Verbindung zu den eigenen Gefühlen und zum eigenen Körperempfinden ist häufig beeinträchtigt. Wer als Kind vor allem gelernt hat, für andere da zu sein, entwickelt oft nur schwer ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Viele Betroffene können ihre Gefühle nur schwer wahrnehmen, einordnen oder ausdrücken, weil sie gelernt haben, diese zugunsten des Familiensystems zurückzustellen – oder weil es in ihrer Kindheit keinen ausreichenden Raum gab, diese zu entwickeln.

Einfache Fragen wie:

„Was möchtest du?“
„Was tut dir gut?“
„Was ist gerade dein Bedürfnis?“

können Menschen mit diesem Thema bereits ins Strudeln bringen.

Nicht, weil keine Bedürfnisse vorhanden sind, sondern weil der Zugang dazu über viele Jahre hinweg kaum möglich war. Der Fokus war früh darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und das eigene Erleben zurückzustellen.

Therapie hilft: Wieder mit sich selbst in Kontakt kommen

In der therapeutischen Arbeit geht es darum, die Auswirkungen der Rollenumkehr Schritt für Schritt zu verstehen und aufzulösen. Dabei  steht die Verbindung zu sich selbst im Mittelpunkt. Es geht darum, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und persönlichen Grenzen wieder bewusst wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben. Belastende innere Überzeugungen, alte Anpassungsstrategien und übernommene Erwartungen dürfen erkannt, gewürdigt und nach und nach losgelassen werden. Dadurch entsteht wieder mehr Kontakt zum eigenen Selbst. Mit dieser inneren Entwicklung kann auch das Selbstwertgefühl wachsen. Im therapeutischen Prozess verlieren alte Muster allmählich ihre Kraft und bestimmen das eigene Leben weniger stark.

Es entsteht wieder mehr innerer Raum, Lebendigkeit und Lebensenergie.

Ein gefestigter Selbstwert hilft dabei, vertraute, aber belastende Beziehungsmuster zu erkennen und neue, erfüllende Erfahrungen zuzulassen – sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben.

Seelische Verletzungen sind häufig unsichtbar und begleiten Menschen oft über viele Jahre. In der Therapie erhalten diese Erfahrungen Raum, gesehen, verstanden und Schritt für Schritt verarbeitet zu werden. So kann Vergangenes an Schwere verlieren und der Weg zu mehr innerer Freiheit, Selbstverbundenheit und Lebensqualität entstehen.

Zum Schluss möchte ich gerne noch die Geschichte von Anna teilen

Anna und die Folgen der Rollenumkehr

Anna wuchs in einem Zuhause auf, in dem sie sich nie wirklich sicher fühlen konnte. Ihr Vater war alkoholkrank, und ihre Mutter war emotional kaum erreichbar. Streit, Anspannung und emotionale Kälte bestimmten den Familienalltag. Nähe, Geborgenheit oder ehrliches Interesse an ihrer Gefühlswelt waren kaum vorhanden. Schon als Kind lernte Anna, sich anzupassen. Sie war häufig auf sich allein gestellt und entwickelte früh das Gefühl, alles selbst schaffen zu müssen. Niemand fragte sie: „Wie geht es dir?“ „Was beschäftigt dich?“ „Was wünschst du dir?“ Stattdessen richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse und Stimmungen der Erwachsenen. Auch in der Schule fühlte sich Anna oft allein. Sie hatte das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. Eine tiefe Verbindung zu Gleichaltrigen entstand kaum. Sie fühlte sich häufig unsichtbar und hatte den Eindruck, dass sich niemand wirklich für sie interessierte. Dieses Erleben zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Als Erwachsene zeigte sich die Rollenumkehr auf unterschiedliche Weise. Anna war sehr leistungsorientiert und trug die tiefe Überzeugung in sich, alles alleine bewältigen zu müssen. Hilfe anzunehmen fiel ihr schwer. Sich auszuruhen oder einfach zu geniessen, fühlte sich ungewohnt an und löste häufig Schuldgefühle aus. Wenn jemand sie fragte: „Was möchtest du?“, fühlte sich diese Frage fremd an. Sie wusste oft keine Antwort – es entstand ein Gefühl von Leere. Ob sie Ruhe brauchte, einen Film schauen wollte, Freunde treffen oder einfach spazieren gehen wollte, konnte sie kaum benennen. Nicht, weil sie keine Bedürfnisse hatte, sondern weil sie nie gelernt hatte, diese wahrzunehmen.

Von klein auf hatte sie gelernt, auf andere zu achten. In ihrem Fall bedeutete dies, sich unsichtbar zu machen und eigene Bedürfnisse zurückzustellen, weil diese in ihrer Herkunftsfamilie keinen Raum hatten. Jahre später begann Anna in der Therapie zu verstehen, weshalb sie so fühlte und handelte. Das Bewusstwerden der Rollenumkehr war für sie eine wichtige Erkenntnis und brachte ihr eine erste Erleichterung. Schritt für Schritt lernte sie, Grenzen zu setzen, ihre Gefühle ernst zu nehmen und wieder eine Verbindung zu sich selbst aufzubauen.

Gleichzeitig erkannte sie, dass ihre Anpassung in der Kindheit eine wichtige Überlebensstrategie gewesen war. Sie hatte ihr geholfen, mit einer schwierigen familiären Situation zurechtzukommen und sich emotional zu schützen. Heute benötigt sie diese Strategie nicht mehr in jeder Situation. Trotzdem spürt Anna noch immer eine tiefe emotionale Einsamkeit. In ihr lebt bis heute eine schmerzliche Sehnsucht. Sie wünscht sich, dass ihre Eltern sie wenigstens einmal gefragt hätten: „Wie geht es dir?“ oder „Was bewegt dich?“ Sie hätte sich gewünscht, gesehen, verstanden und als wichtig wahrgenommen zu werden. Diese Wunde ist noch da und darf ihren Platz haben. Sie erzählt von einem kleinen Kind in ihr, das sich nach Liebe, Wärme und echtem Interesse gesehnt hat.

Heute ist Anna Mutter von zwei Kindern. Sie arbeitet ihre Geschichte in der Therapie auf – nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder. Sie möchte den Kreislauf der Rollenumkehr durchbrechen. Mit der Zeit hat Anna gelernt, sich selbst besser wahrzunehmen. Sie erlaubt sich heute, ohne Schuldgefühle zu geniessen. Sie achtet auf ihre eigenen Bedürfnisse und entdeckt immer mehr, was ihr guttut. Das Schreiben ist zu einer wichtigen Begleitung für sie geworden. In der Natur findet sie Ruhe und neue Kraft. Seit einiger Zeit singt sie in einem Chor.

Manchmal taucht noch das alte Gefühl auf, nicht dazuzugehören. Doch heute weiss sie, dass dieses Gefühl aus ihrer Vergangenheit stammt. Es ist eine Spur ihrer früheren Erfahrungen und nicht die Wahrheit über ihren eigenen Wert. Annas Geschichte zeigt, dass eine Kindheit mit emotionaler Vernachlässigung und Rollenumkehr tiefe Spuren hinterlassen kann. Gleichzeitig macht sie Hoffnung: Alte Muster können verändert werden. Mit Zeit, Geduld, therapeutischer Begleitung und liebevoller Selbstfürsorge ist es möglich, sich selbst wiederzufinden und ein Leben zu gestalten, in dem die eigenen Bedürfnisse ebenso wichtig sein dürfen wie die Bedürfnisse anderer.

 

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
Möge jedes Kind die Geborgenheit erfahren, die es verwurzelt, und die Freiheit, die es wachsen lässt. Ich wünsche mir, dass Kinder Kinder sein dürfen – mit Zeit zum Spielen, zum Staunen, zum Träumen und zum Entdecken. Dass sie begleitet werden, ohne eingeengt zu werden, und ihren eigenen Weg mit Vertrauen und Zuversicht gehen dürfen.