Wenn Glückl-ich-sein Schuldgefühle weckt
Hand aufs Herz: Bist du glücklich und kannst du es auch wirklich zulassen?
Was bedeutet es für dich, glücklich zu sein? Eine Familie zu haben, gesund zu sein, eine erfüllende Beziehung zu führen, frei zu sein? Vielleicht ist es für dich auch etwas ganz anderes. Für jeden Menschen bedeutet Glück etwas anderes. Eines verbindet uns jedoch: Wir sehnen uns danach. Und trotzdem erlebe ich in meiner therapeutischen Arbeit immer wieder ein erstaunliches Paradox. Menschen wünschen sich Glück und haben gleichzeitig Schwierigkeiten, es wirklich zuzulassen.
Darf ich glücklich sein? Wer entscheidet das eigentlich?
Gerade Menschen, die über lange Zeit erschöpft waren, viel ausgehalten oder Schweres erlebt haben, beginnen im Therapieprozess wieder etwas in sich zu spüren, das lange kaum zugänglich war: Freude und Glück. Eigentlich etwas Schönes. Und doch kann genau dieser Moment einen inneren Konflikt auslösen. Du beginnst, eigene Grenzen zu setzen, dich emotional zu lösen oder deinen eigenen Weg zu gehen, und plötzlich meldet sich ein schlechtes Gewissen. Ein Erfolg wird sofort relativiert. Freude wird klein gemacht. Ein schöner Moment kann nicht einfach genossen werden, weil im Hintergrund bereits ein ungutes Gefühl auftaucht. Eine Frage: Darf ich überhaupt glücklich sein?
Vielleicht kennst du das. Eigentlich geht es dir gut. Du hast einen schönen Tag, lachst, freust dich oder erlebst etwas, das dir guttut. Und trotzdem kommt plötzlich ein eigenartiges Gefühl auf. Ein schlechtes Gewissen, inneres Unbehagen oder sogar Scham darüber, das eigene Glück zu zeigen. Du möchtest dich über einen Erfolg freuen und machst dich im nächsten Moment wieder klein. Du erzählst vielleicht nicht von deinem Glück, weil du Angst hast, jemand könnte sich dadurch schlecht fühlen. Oder du bemerkst, dass du dich kaum erlauben kannst, wirklich unbeschwert glücklich zu sein. Und hier möchte ich noch anmerken. Es geht nicht darum immer glücklich zu sein. Es gibt immer wieder Situationen im Leben in denen wir uns zurücknehmen dürfen und das Glück hinten anstellen müssen. Mir geht es mehr darum das innere Dilemma mit Folgen sich bewusst zu werden.
Weswegen ist das so?
Ich glaube, dass wir an dieser Stelle sehr tief in unsere persönliche und familiäre Geschichte schauen dürfen. Manchmal hat die Schwierigkeit, glücklich zu sein, weniger mit dem Glück selbst zu. Vielmehr stecken unbewussten Loyalität gegenüber Menschen, die vor uns gelebt haben oder die uns nahestehen dahinter. Menschen, die gelitten haben. Eltern, Grosseltern oder andere Familienmitglieder, deren Leben von Krieg, Verlust, Krankheit, Armut, Leid und Abhängigkeit oder anderen schweren Erfahrungen geprägt war.
Da stellt sich die Frage: Darf ich glücklich sein, wenn meine Mutter so viel gelitten hat? Darf ich es leichter haben als meine Eltern? Darf ich frei sein, wenn meine Familie so viele schwere Erfahrungen gemacht hat? Darf es mir gut gehen, wenn es einem Menschen, den ich liebe, schlecht geht?
Solche Fragen entstehen nicht bewusst. Kein Kind entscheidet eines Tages, dass es ab jetzt die Gefühle seiner Mutter übernehmen oder auf seine eigene Freude verzichten möchte. Kinder sind auf Zugehörigkeit angewiesen. Sie brauchen ihre Eltern, ihre Bezugspersonen und die Sicherheit, dass die Beziehung bestehen bleibt. Deshalb nehmen Kinder sehr fein wahr, wie es den Menschen um sie herum geht.
Wie geht es Mama? Wie geht es Papa? Ist heute ein guter Tag? Muss ich vorsichtig sein? Darf ich mich freuen oder ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt?
Prägende Geschichten.
Wenn ein Elternteil traumatisiert, depressiv, überfordert oder durch ein schweres Schicksal geprägt ist, kann ein Kind sehr früh beginnen, sich auf die emotionale Welt dieses Elternteils einzustellen. Es lernt, Stimmungen wahrzunehmen und sich anzupassen. Nicht, weil es bewusst entscheidet, sondern weil sein ganzes Wesen darauf ausgerichtet ist, Beziehung und Zugehörigkeit zu sichern.
Die Grenze zwischen dem eigenen Erleben und dem Erleben des anderen ist für ein Kind noch nicht klar. Was fühle ich? Was fühlst du? Was gehört zu mir und was gehört zu dir? Wenn die Mutter traurig ist, kann sich ihre Traurigkeit wie die eigene anfühlen. Wenn der Vater Angst hat, kann das Kind diese Angst übernehmen. Wenn die Familie ständig von Sorgen geprägt ist, kann unbeschwerte Freude plötzlich unpassend wirken. Das Kind lernt: Ich muss mich anpassen. Ich darf es den anderen nicht noch schwerer machen.
So können destruktive Symbiosemuster entstehen. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse werden immer mehr abgespalten. Aus Zugehörigkeit wird Anpassung. Aus Liebe wird eine destruktive Symbiose. Und irgendwann kann daraus eine Überzeugung entstehen: Wenn ich mit dir leide, bin ich dir nahe. Wenn ich deine Gefühle mittrage, gehöre ich zu dir. Wenn ich es nicht besser habe als du, bin ich loyal. Wenn es mir besser geht, entferne ich mich vielleicht von dir. Geteiltes Leid ist halbes Leid – ist das wirklich so? Diese Sätze hört man immer wieder.
Es ist ein Mit-Leiden. Doch wenn wir Liebe mit Leiden verwechseln, hat das fatale Folgen.
Das Leid eines anderen Menschen wird nicht kleiner, wenn du ebenfalls leidest. Die Vergangenheit deiner Eltern wird nicht geheilt, wenn du ihre Last weiterträgst. Und ihre Geschichte wird nicht verändert, wenn du dein eigenes Leben begrenzt.
Im Gegenteil. Du trägst etwas weiter…..
Mit-Leiden. Mit Liebe hat das nichts zu tun.
Mitgefühl ist die Fähigkeit, das Leid anderer zu fühlen
und durch Freundlichkeit und Empathie darauf zu reagieren.
Mitgefühl bedeutet nicht, das Leid eines anderen Menschen übernehmen zu müssen. Verbundenheit bedeutet nicht, die Grenzen zwischen zwei Menschen aufzulösen. Liebe bedeutet nicht, das Schicksal eines anderen Menschen wiederholen zu müssen. Du kannst die Geschichte eines Menschen sehen, ohne sie zu deiner eigenen zu machen. Du kannst mitfühlen, ohne dich in seinem Schmerz zu verlieren. Du kannst einen Menschen lieben, ohne für sein Leben verantwortlich zu sein.
Für Menschen, die über viele Jahre gelernt haben, sich über das Mitleiden mit anderen verbunden zu fühlen, kann diese Erkenntnis zunächst irritierend sein. Denn wenn Nähe bisher bedeutet hat, mitzuleiden, kann Abgrenzung wie Distanz wirken. Ein Nein fühlt sich wie Ablehnung an. Eigenständigkeit wie Verrat. Glück wie fremdgehen. Doch eine gesunde Grenze bedeutet nicht, dass du einen Menschen weniger liebst. Sie bedeutet, dass du ihn als eigenständigen Menschen respektierst und dir selbst ebenfalls erlaubst, eigenständig zu sein.
Ent-Wicklung statt Ver-Wicklung.
Du darfst deine Mutter lieben und trotzdem ein anderes Leben führen. Du darfst deinen Vater verstehen und trotzdem seine Angst nicht übernehmen. Du darfst deine Familiengeschichte würdigen und trotzdem deine eigene Geschichte schreiben. Hast du dich schon einmal gefragt, wer denn für dein Glück verantwortlich ist?
Ich meine, dass es heute viele Wege und auch viel Unterstützung gibt, im Gegensatz zu Generationen davor, das Leid in Glück zu verwandeln.
Genau diese Unterscheidung ist in meiner therapeutischen Arbeit von grosser Bedeutung. Was gehört eigentlich zu dir und was hast du übernommen? Was ist dein Gefühl? Was ist die Angst deiner Eltern? Was ist deine Verantwortung und was ist nicht deine Verantwortung? Was hast du aus Liebe, Loyalität oder Zugehörigkeit übernommen?
Diese Fragen können unbequem sein. Gleichzeitig schaffen sie Klarheit.
In der systemischen Aufstellungsarbeit können solche inneren Verbindungen und Loyalitäten sichtbar werden. Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit abzuwerten oder den Eltern die Schuld zu geben. Nein, im Gegenteil. Es geht darum, den Schmerz zu sehen, um Würdigung und Respekt. Zu sehen wieviel Leid Kriegsgenerationen erlebt haben. Glück war damals: Essen auf dem Tisch zu haben, ein Dach über dem Kopf zu haben, das Glück zu überleben, durchzukommen, wenn der eigene Mann wieder lebend aus dem Krieg zurückkommt usw. Im Therapie Prozess ist es bemerkenswert, wie Leid sich verwandelt wenn der Mensch sich «bewusst» wird.
„Im Wesentlichen liegt das Glück, man muss es nur erkennen.»
Es brauch Mut um Leid in Glück zu verwandeln – Dr. Ero Langlotz
Dieser Satz klingt vielleicht einfach. Für einen Menschen, der sein ganzes Leben gelernt hat, sich über Loyalität und Anpassung mit anderen zu verbinden, kann er jedoch eine enorme Veränderung bedeuten. Auch eine riesen grosse Chance sein.
Mich berührt es in meiner therapeutischen Arbeit immer wieder, wie viel Kraft in alten Mustern gebunden ist. Menschen haben jahrelang ihre Energie dafür verwendet, die Stimmung anderer wahrzunehmen, Konflikte zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen, niemanden zu enttäuschen und sich selbst zurückzunehmen. Destruktive Beziehungsmuster brauchen enorm viel Energie.
Was geschieht, wenn diese Energie nicht mehr unbewusst in Strategien fliessen muss, die im Erwachsenenalter nicht mehr notwendig sind?
Sie steht plötzlich für das eigene Leben zur Verfügung. Für Wünsche, für Kreativität, für Beziehungen, für Ruhe, für Freude, für Lebendigkeit und für das Glück.
Lass uns „Leid in Glück verwandeln“ – so heisst das neue Buch von Dr. Langlotz. Mir gefällt dieser Ansatz sehr gut.
«Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide zu werden.» C. G. Jung
Was denkst du darüber? Was ist für dich Glück?








